Benno Kuppler SJ
München

verstehen in der sprachlosigkeit

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Dr. Benno Kuppler

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Verstehen in der Sprachlosigkeit
Wort zum Sonntag im Bordfernsehen des TS Maxim Gorki [Gorkiy | Gorky]
am 18. Mai 2002
[Pfingsten]

Lesung: Apg 2, 1-13

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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kinder, liebe Passagiere,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichen Bereichen des Staffs,

das war ein Treiben auf dem Fischmarkt heute in Bergen. Menschen aus aller Herren Länder gaben sich ein Stelldichein. Und bei meinem Spaziergang durch Gassen und Straßen in Bergen begegnete ich immer wieder Menschen, die miteinander in einer Sprache reden, die ich nicht verstehe. Oft waren es Norweger, das erkannte ich, wenn ich nach einem Weg fragte. Manchmal konnte ich am Klang der Sprache erahnen, dass es sich um eine slawische Sprache handelt. Einige Gesichter von Menschen zeigten mir, dass sie eine Sprache aus dem Fernen Osten sprechen. Gelegentlich verstand ich beim Vorübergehen auch einen Wortfetzen, weil die Menschen eine Sprache sprachen, die ich als Fremdsprache einmal gelernt habe. Die meisten unterhielten sich mit ihren Kindern und Begleitern sicherlich norwegisch, aber das verstehe ich nicht, auch wenn ich beim Lesen der Schriften, Plakate und Hinweisschilder einige Worte meinte, erkennen zu können.

Und bei uns auf der Maxim Gorki, in diesen letzten Tagen. Da unterhielten sich gestern Abend in der Lido-Bar eine Russin, ein Rumäne und ein Türke in Deutsch. Da höre ich auch Dialekte aus vielen Regionen Deutschlands, nicht zu vergessen das Deutsch der Österreicher und Schweizer. Unter uns Künstlern herrscht auch eine Verschiedenheit an Muttersprachen und selbst die Stammbesatzung unserer Crew spricht nicht nur Russisch.

Vielleicht ist Ihnen diese Vielfalt auch aufgefallen, wenn Sie übers Promenadendeck flanieren, an der Lido-Bar beim Kaffee sitzen, an der Neptun-Bar einen Drink nehmen, oder bei den Landgängen mit anderen Passagieren sprechen. Wie viele deutsche Dialekte konnten Sie geographisch zuordnen? Ich habe oft gefragt, woher Menschen stammen, wenn ich eine Dialekt nicht sicher erkannte oder aus Neugier, wenn ich wissen wollte, ob meine Vermutung stimmt.

Was mich mit vielen Menschen auf unserem verbindet, ist vordergründig dies: jeder ist unterwegs auf seinem eigenen Weg und doch sitzen wir alle im selben Boot.

Da ist eine Erfahrung von Sprachenvielfalt, die mich auch an Grenzen stoßen lässt, wie ich im Captain‘s Club gestern Abend spüren musste. Wir hatten oft keine gemeinsame gesprochene Sprache, die Mitglieder der Besatzung und ich, um uns gegenseitig mitzuteilen. Aber es gab den Blick des Verstehens, den kameradschaftlichen Handschlag, Zeichen, dass es Gemeinsamkeit über die Sprachgrenzen hinaus gibt.

Diese Sprachenvielfalt, die ich diesen Tagen auf der Maxim Gorki und bei den Landgängen erleben durfte, ist ein Bild für Pfingsten, das wir morgen feiern: Die Aussendung des Geistes auf die Apostel und jenes Sprachenwunder, dass Jerusalem erfasste. Diese Sprachenvielfalt auf unserem Schiff, lässt das Ereignis des Pfingsttages konkret werden. Aber auch die bewegte See, der Wind in den Fjorden und auf hoher See, das Getöse der Wasserfälle. Es sind Symbole, die ich in der Bibel wieder finde, um etwas unsagbares in Worte zu setzen, ins Bild zu fassen.

Der Sturm, das Brausen, das Getöse - diese Naturkräfte machten den Menschen damals in Jerusalem Angst, und zugleich wurden sie neugierig, was sich denn da ereignete. Und so eilen sie zu dem Haus, um das sich dieses Brausen bewegte. Bestürzung macht sich unter den Menschen breit: denn jeder hört sie in seiner Sprache reden!

Der Text aus der Apostelgeschichte [2,1-13] ist vielen vertraut vom Pfingstfest, dem Fest der Aussendung des Geistes Gottes, dem Fest der Be-Geisterung der Jünger Jesu. Es ist ein Text, der uns ermutigen will und kann, die Sprachlosigkeit zwischen Menschen zu überwinden, das Verstehen untereinander als Möglichkeit zu eröffnen.

Schauen wir uns den Text aus der Apostelgeschichte noch einmal näher an.

Die junge Gemeinde der Jünger Jesu waren an einem Ort versammelt. Sie hatten einen gemeinsamen Ort, einen Raum, nicht nur im physischen Sinn, auch im geistlichen Sinne. Das Brausen, das diesen Raum erfüllt, ist seit altersher als Zeichen des sich nähernden Gottes verstanden worden. Gottes Geist erfüllt die anwesenden Menschen, Frauen und Männer. Und als äußeres Zeichen erscheinen Zungen von Feuer, die Symbol für die innere Reinigung der Menschen von ihrer Selbstbezogenheit sind. Die Jünger Jesu sind Be-Geisterte. Die Begabung des Geistes ist aber nicht nur ein persönliches Geschenk an den einzelnen. Es zeigt Wirkungen nach außen, der Geist wirkt durch begeisterte Frau und Männer in die Umwelt hinein. Sie beginnen in fremden Sprache zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. Bestürzung macht sich unter den Menschen in Jerusalem breit: denn jeder hört sie in seiner Sprache reden!

Die Erfahrung, einen Fremden zu verstehen, sich von ihm verstanden zu fühlen, führt zu unterschiedlichen Reaktionen: Staunen und Ratlosigkeit, aber auch zu Spott. Sie sind vom süßen Wein betrunken! Was hat das zu bedeuten? Sie verkünden Gottes große Taten!

Das Sprachwunder von Pfingsten, das Sprachlosigkeit im Verstehen aufgehen lässt, hängt mit der Botschaft ihrer Sprache zusammen: Sie verkünden Gottes große Taten! Gibt es positive Erfahrungen von Sprachenvielfalt, dann stiften sie Gemeinschaft und Verstehen. Das galt damals. Das spüren wir ansatzweise in diesen gemeinsamen Tagen auf der Maxim Gorki.

Pfingsten ist die Einladung an jede und jeden, mit dem eigenen Wort heilend umzugehen. Pfingsten ist die Einladung, das eigene Wort verantwortlich zu gebrauchen. Pfingsten ist die Einladung, das eigene Wort durch unser Tun Fleisch werden zu lassen. Das ist das die eigentliche Herausforderung, mit der uns der christliche Glauben immer konfrontiert!

Jeder von uns hört jeden Tag so viele Worte, dass er kaum noch unterscheiden kann, ob es Wörter oder Worte sind. Wo spricht mich ein Wort so an, dass es mir Orientierung für mein tägliches Leben gibt?

Deshalb ist Pfingsten die Einladung, neu und mit Aufmerksamkeit, mit Hilfe seines Geistes, auf "Das Wort", auf den Sohn Gottes zu hören, der Mensch geworden ist, damit wir selbst auch Mensch werden. Der Glaube kommt vom Hören. Das war der große Dienst Jesu an der Menschheit und für die Menschheit: er hatte ein offenes Ohr für die Menschen um sich. Und er sprach das Wort, das befreit und heilt, das Lebensraum schafft, das Atmen erlaubt. Seine Jüngerverkündeten diese Botschaft in einer Sprache, die über alle Sprachgrenzen hinweg jeder in seiner Sprache verstanden hat: Sie verkünden Gottes große Taten!

Und als Symbol seiner Treue hat Gott den Regenbogen an das Firmament gestellt. Wie viele von Ihnen durfte ich diesen Regenbogen gestern sehen: am Kjosfossen Wasserfall. Auch uns gelten diese Heilszusagen.

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie angerührt werden von Seinem Odem, dem Heiligen Geist, der Enge weitet, der Raum schenkt zum Atmen.

Seien Sie herzlich eingeladen zum Pfingstgottesdienst auf der Maxim Gorki unter dem Thema „Begeistert miteinander im Boot", morgen 10.15 Uhr im Theater Maxim. Musikalische Künstlerkollegen werden den Gottesdienst mitgestalten: mit der Querflöte, am Flügel und auf der Violine. Seien Sie herzlich eingeladen: als Zweifelnde, als Suchende, als Fragende und als Neugierige und als christliche Schwestern und Brüder im Glauben.

Einen ruhigen Abend unter dem Schutz des Allerhöchsten wünsche ich Ihnen und mir. Und schenken wir uns gegenseitig Zeichen des Verstehens, wo die Sprachen uns Grenzen der Austausches ziehen. Komm, heiliger Geist, der Leben spendet!

Amen.

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