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"Die Verantwortung des CV-ers für Staat und
Gesellschaft"
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| "So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Land der Knechtschaft [dem Exodus; BK] das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist ... Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben." [Nostra aetate 4] |
Es bleiben herausfordernde Fragen an uns Christen in unserer deutschen Gesellschaft, die sich als Konsequenz stellen:
| Wo bin ich schon einmal bewusst einem Juden begegnet? Was weiß ich über den jüdischen Glauben und den Kult? Wie habe ich mich über das jüdische Verständnis von Familie, Gesellschaft und Staat informiert? Was weiß ich konkret über die hervorragenden Beiträge zur deutschen und europäischen Zivilisation deutscher Juden in Literatur, Kunst und Wissenschaft? Wo und wie wehre ich mich gegen unberechtigte Verallgemeinerungen über "die Juden"? Hat mein eigenes Reden über "die Juden" mehr als nur bierseliges Stammtisch-Niveau? Ist offener und latenter Antisemitismus in unserer Gesellschaft nicht ein Zeichen mangelnder eigener Identität, auch und gerade von uns Christen? |
Jesus von Nazareth ist Jude.
Oder wie bewusst sind wir uns in der Begegnung mit Muslimen in unserer Gesellschaft, dass die Kirche im selben Dokument "Nostra aetate" schreibt:
| "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft." Und dieser Abschnitt schließt mit der Aufforderungen, "sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit der Menschen." [Nostra aetate 3] |
Es bleiben, auch hier, herausfordernde Fragen an uns Christen in unserer deutschen Gesellschaft, die sich als Konsequenz stellen:
| Wo bin ich schon einmal bewusst einem Muslim begegnet? Oder sehe ich nur "die Türken", "die Araber", "die Marokkaner"? Was weiß ich über den muslimischen Glauben und seinen Kult? Wie habe ich mich über das muslimische Verständnis von Familie, Gesellschaft und Staat informiert? Was weiß ich konkretes über die hervorragenden Beiträge des Islam zur deutschen und europäischen Zivilisation? Wer erinnert sich z.B., dass wir in "arabischen Ziffern" und nicht mehr in "römischen Ziffern" rechnen? Was wäre aus einem Thomas von Aquin geworden, wenn nicht arabische, und dies bedeutet muslimische, Gelehrte ihm und uns das philosophische Wissen der alten Griechen überliefert hätten? Wo und wie wehre ich mich gegen unberechtigte Verallgemeinerungen über "die Türken" und andere muslimische Ausländer? Hat mein eigenes Reden über "die Türken" mehr als nur bierseliges Stammtisch-Niveau? Ist die offene und latente Ausländerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft nicht ein Zeichen mangelnder eigener Identität, auch und gerade von uns Christen? |
Jesus von Nazareth, der Jude, wird von den Muslimen als großer Prophet verehrt.
Der Beitrag der Christen - und das sollten wir CV-er sein - zur Mitverantwortung und Mitgestaltung der Gesellschaft ist heute in einer Zeit gefragt, die keine geschlossenen Milieus mehr kennt, die konfessionell und territorial abgegrenzt und damit überschaubar und leichter prägbar wären. Unser Staat versteht sich als pluralistisch und weltanschaulich neutral. Uns Christen eröffnet sich so ein Raum, den es gemeinsam mit Menschen anderen Glaubens und anderer Weltanschauungen zu gestalten gilt. Was haben wir Christen denn unserer Gesellschaft zu sagen? Und wenn wir etwas zu sagen haben, wie überzeugt sind wir von unserer "Message"? Spüren andere Gruppen in der Gesellschaft, dass wir mit unseren Worten und Taten "eigentlich" sagen, dass wir nichts zu sagen haben?
Deshalb muss ich an Texte erinnern wie "Nostra aetate", der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Oder an die Erklärung über die Religionsfreiheit "Dignitatis humanae", die gleichsam das "Toleranzedikt" der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert werden sollte und gerade von innerkirchlichen fundamentalistischen Gruppen als "moderner Sündenfall" der Kirche bekämpft wurde und wird. Oder an das Dekret über den Ökumenismus "Unitatis redintegratio" in einem Land, das durch die Reformation Martin Luthers geprägt wurde.
Seit der Sozialenzyklika "Pacem in terris" [1963] von Johannes XXIII. wendet sich die katholische Kirche nicht mehr exklusiv an die Katholiken, sondern lädt "alle Menschen guten Willens" ein, um gemeinsam die eine Welt auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit und der sozialen Liebe zu gestalten. Am 11. Oktober 1962 eröffnete Johannes XXIII. die erste Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils. Durch die offenen Fenster des aggiornamento erschloss sich der katholischen Kirche die Vielfalt europäischer Glaubenstraditionen in Einheit und ermutigte andere Teilkirchen ihre Vielfalt in diese Einheit einzubringen. "Puebla" und "Medellin" sind Symbolwörter für den lateinamerikanischen Kontinent geworden. Und am 11. Oktober 1992 unterschreibt Johannes Paul II. die Apostolische Konstitution "Fidei Depositum", um die Veröffentlichung des "Katechismus der katholischen Kirche" anzuordnen: ein Katechismus für die Hirten, der Einheit schaffen soll. Und viele fürchten, wie ich selbst, dass Einheitlichkeit gemeint sein könnte.
Und dann erlebte ich bewusst, wie mancher Alte Herr des CV, jenen deutschen innerkirchlichen Aufbruch, der mit dem Namen "Würzburger Synode" verbunden ist. Sie wurde "Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit" und drückte "Unsere Hoffnung" [so der Titel des Abschlussdokuments] aus, als sie am 23. November 1975 offiziell zu Ende ging. Viele ältere CV-er werden sich noch an den streitbaren Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning auf dieser "Würzburger Synode" erinnern. Er legte den Entwurf des Beschlusses "Kirche und Arbeiterschaft" vor. Die katholische Kirche in der damaligen Bundesrepublik Deutschland gesteht darin ihr Versagen gegenüber den Arbeitern ein: ein fortwirkender Skandal nicht nur um die Jahrhundertwende, sondern bis in unsere Tage. Und als nach einer leidenschaftlichen Debatte das Dokument beschlossene Sache war und ihm von der Synode eine Ovation dargebracht wurde, da verstand Nell-Breuning diese Ovation als ein Stück Wiedergutmachung des Unrechts, das die Kirche seit dem Gewerkschaftsstreit katholischen Arbeitern zugefügt hatte. Das war vor zweimal fünfzig Jahren, nämlich um die Jahrhundertwende.
Das Abschlussdokument "Unsere Hoffnung" las ich dann im Wintersemester 1978/79 gemeinsam mit Bundesbrüdern bei der Aenania in München als "Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit". Aus dieser "Lektüre-Gruppe" sind Freundschaften entstanden, die bis heute tragen: menschlich und geistlich.
Wenden wir uns wieder dem Jahre 1997 in Deutschland und der Endphase des Exodus des Volkes Israel zu, wie er im Buch Deuteronomium überliefert ist.
Moses spricht mit klaren Worten: "Damals habe ich eure Richter verpflichtet: Lasst jeden Streit zwischen euren Brüdern vor euch kommen. Entscheidet gerecht, sei es der Streit eines Mannes mit einem Bruder oder mit einem Fremden." [Dtn 1, 16] Die Richter damals waren die verantwortlichen Führer des Volkes, wir müssten heute von "Politikern in Parlamenten und Regierungen" sprechen. Und an alle richtet er die Aufforderung: "Kennt vor Gericht kein Ansehen der Person! Klein wie Groß hört an! Fürchtet euch nicht vor angesehenen Leuten; denn das Gericht hat mit Gott zu tun." [Dtn 1, 17] Und diese Aufforderung finden wir dann in den neutestamentlichen Schriften aufgegriffen und wiederholt, etwa im Jakobusbrief, der sich hervorragend als Einstimmung in die kirchliche Sozialverkündigung eignet.
Können wir heute im Blick auf die Jahre seit der Wiederbegründung des CV’s mit Moses sagen: "... Jahre lang war der Herr, dein Gott, bei Dir. Nichts hat dir gefehlt." [Dtn 2, 7]?
Waren diese Jahre des Exodus, des Unterwegs-Seins, nicht vielleicht gerade deshalb Jahre der Gnade, weil viele Christen, auch aus den Reihen des CV’s, sich ihrer Verantwortung zur Mitgestaltung der Gesellschaft bewusst geworden waren und ihren Teil dazu beigetragen haben, um die Verheißung des Moses auch für die Gesellschaft in Deutschland gültig werden zu lassen: "Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen." [Dtn 4,1] Bald machte das Volk Israel dann die Erfahrung, dass mit der Landnahme keineswegs das "Paradies auf Erden" begonnen hatte. Besitz und Sesshaftigkeit beförderten Bequemlichkeit, bildeten die Basis für Neid und Missgunst. Der Grundkonsens des Exodus wird verraten. Es folgen die Erfahrungen des "Turmbaus zu Babel" und die "Babylonische Gefangenschaft", als Konsequenzen einer falsch verstandenen Autonomie und Großmannssucht des Einzelnen und des Volkes Israel.
Mir drängt sich der Eindruck auf, dass wir uns als Christen der alten Bundesrepublik während der 80-iger Jahren auch bereits im Gelobten Land fühlten, die Hände in den Schoß legen zu können glaubten. "Der Bundesbürger sah, dass alles, was er gemacht hatte, gut war. Und er ruhte am sechsten und siebten Tag." Die Anstrengungen, die Existenzängste, aber auch die positiven Gemeinschaftserfahrungen des Exodus der Nachkriegszeit waren vergessen, wurden nicht mehr erzählend an die Kinder und Enkel, an Euch als aktive CV-er, weitergegeben, wie das Volk Israel nach der Landnahme die Geschichte seines Exodus zu vergessen begann. Während sich so jeder auf seine Weise in unserer Wohlstandsgesellschaft einnistete, ging uns der Grundkonsens der früheren Generationen abhanden. Wir haben die Tradition tradiert, ohne sie mit Leben zu fühlen: so wird Tradition zum Verrat. Gefragt sind heute individuelle Glückserfahrungen in heimeligen Gruppen. Die Esoterik und ein Eklektizismus und Synkretismus bestimmen das Denken und Fühlen vieler unserer Zeitgenossen, nicht selten auch in unseren eigenen Reihen des CV’s.
Und je näher uns in den vergangenen Jahrzehnten die ganze Welt "auf die Pelle" rückte, je komplexer wir die Wirklichkeit empfanden, desto einfacher haben wir es uns gemacht. Unser Verhältnis zu den unterentwickelten Ländern "erledigen" wir durch "hochherzige" Spenden für Adveniat, Misereor und jetzt für "Renovabis" im Osten. Wir ermutigen aber unsere Politiker wenig, aus Solidarität mit den Menschen der Dritten Welt eine andere, am universalen Gemeinwohl orientierte Handels- und Wirtschaftspolitik zu betreiben. Die deutsche Einheit liefert uns den Vorwand, uns um unseren "deutschen Wohlstand" zu sorgen. Dabei vergessen wir aber allzu gerne, dass alle scheinbar "innerdeutschen" Entscheidungen der Wirtschaftspolitik auch massive Außenwirkungen auf andere Nationen, auf das Leben konkreter Menschen in anderen Ländern haben.
Viele Christen haben sich einfach aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verabschiedet, weil sie sich für überfordert hielten und halten. Das gilt auch für uns CV-er. Technokraten in allen gesellschaftlichen Gruppen geben den Ton an: "Was machbar ist, wird gemacht!" Überzeugungen scheinen nicht mehr gefragt. Die parteipolitische Einfärbung der Politiker scheint selten noch eine Folge geistig-geistlicher Haltungen, sondern mehr eine Folge persönlicher Opportunität zu sein.
Für viele ist auch "die Kirche" nicht mehr jene Sinngebungsinstitution, die "Unsere Hoffnung" gestalterisch zu verwirklichen scheint: den einen sind ihre Antworten zu differenziert, den anderen zu schlicht. Und "die Kirche" sind jeweils die anderen, die nicht mein "Kirchenbild" teilen. Vielleicht sollten wir von mutigeren Bürgern der Ex-DDR lernen, uns wieder miteinander auf den Weg zu begeben, die Sache des Glaubens zu einer öffentlichen Sache auf den Plätzen unserer Städte und Dörfer zu machen und gemeinsam zu rufen: "Wir sind die Kirche".
Hatten es unsere Ahnen im CV am Beginn des Exodus da leichter? Viele Priester und Ordensleute, ein Josef Höffner und ein Julius Döpfner, ein Alfred Berchtold, Gustav Gundlach, Oswald von Nell-Breuning, Franz-Xaver Prinz, Hermann-Josef Wallraff, Eberhard Welty, Edgar Nawroth, Arthur F. Utz und eine große Zahl von Frauen und Männern, wie sie auch immer geheißen haben mögen, sie alle haben in den Nachkriegsjahren, als auch unsere Verbindungen wiederbegründet wurden, noch weite Bereiche dieser Gesellschaft mit engagierten Gewerkschaftern, Unternehmern und Politikern aller Parteien zusammen gestaltet. Ihnen war die Erfahrung der Katastrophe des Dritten Reiches gemeinsam. Sie wussten noch alle, warum sie als Christen einmal zu diesem Exodus aufgebrochen waren, um die Gesellschaft aus christlicher Verantwortung mitzugestalten. Es gab einen Grundkonsens, der bestimmt war von einem christlichen Ethos.
Da galt es, Grundsatzfragen im gesellschaftlichen Widerstreit zu diskutieren und zu lösen: christliche Ordnungsbilder von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat zwischen Kapitalismus und Sozialismus standen im Mittelpunkt. Die Fülle der Sachthemen von damals wird für uns heute zum Spiegel der zeitgeschichtlichen Strömungen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Deutschland: grundsätzliche Reflexionen zur Funktion des Eigentums; die Einschätzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die nicht identisch ist mit "Kapitalismus"; die Unternehmenskonzentration; eine gerechte Finanz- und Steuerverfassung; die soziale Rentenversicherung; der [Familien-]Lastenausgleich; die Wirtschaftsdemokratie; die Förderung von Bausparen, Wohnungsbau und -eigentum; die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand; das Verhältnis von [katholischer] Kirche und politischen Parteien. Und wer aufmerksam hingehört hat, erkennt viele neue-alte Fragestellungen wieder, die sich heute mit leicht geänderten Vorzeichen wieder stellen.
Wir schienen zu Beginn der 90-iger Jahre in einem wohlgeordneten und funktionierenden Gemeinwesen zu leben. Es lief alles, weil es Personen gab, die an den Hebeln und Rädern der Gesellschaft drehten, bis ... ja, bis wir merkten, dass einiges doch nicht wohlgeordnet ist, dass unser Gemeinwesen nicht [mehr] funktioniert, dass vieles aus dem Ruder gelaufen ist. Die Reizworte dieser Tage und Monate kennen wir alle aus den Medien, vereinfacht und verkürzt, selten informierend und unterrichtend, meist polarisierend: Parteien- und Politikverdrossenheit der Bürger; Ausländer, Asylbewerber, Wirtschaftsflüchtlinge; Xenophobie, Rassismus und Antisemitismus; Sprachlosigkeit zwischen Ossis und Wessis; Kosten der deutschen Einheit gegen individuellen Wohlstand; Zusammenbruch des realen Sozialismus und der Verlust von Feindbildern; Europamüdigkeit und nationales/nationalistisches Denken, als Ausdruck eines Identitätsverlustes; die ausstehende geistige Wende von 1982 und die flinken Wendehälse von 1990.
"Weil das Land sich ändern muss", schrieben deutsche Persönlichkeiten aus Ost und West ein Manifest [vgl. DIE ZEIT, 13. 11. 1992, Seite 3] und schreien auf: "Nein und abermals nein: So haben wir uns weder die Bundesrepublik nach vier Jahrzehnten, noch das befreite, endlich wiedervereinigte Deutschland vorgestellt. Wir hatten gehofft, das Ende der DDR, dieser langersehnte, einzigartige Moment, werde eine allgemeine Aufbruchstimmung zeitigen. Stattdessen macht sich resignierende Unlust breit." Und diese Unlust wird auch als "Die Wirklichkeit in der Kirche" [Kommentar der FAZ vom 13.11.1992] diagnostiziert und schuf sich Stimme im "KirchenVolksBegehren", erst in Österreich, dann in Deutschland.
Als ich im genannten Manifest den Ausdruck "wir hatten gehofft" las, weckte er bei mir spontan die Erinnerung an die Geschichte der Emmaus-Jünger, die sich aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nach dem Tod Jesu umdrehten und wegliefen von Jerusalem. Auf ihrem Weg sagen sie: "wir aber hatten gehofft". Ja, richtig, wir hatten gehofft! Aber was haben wir getan, um diese "Unsere Hoffnung" gestalterische Wirklichkeit werden zu lassen, um uns auszutauschen über "Unsere Hoffnung", um gemeinsam nach den Möglichkeitsbedingungen zu suchen, diese Hoffnung Wirklichkeit werden zu lassen. Die Euphorie des offenen Brandenburger Tors, für die meisten von uns telegen vermittelt erfahren, wurde nicht zu einer öffnenden Erfahrung unseres Herzens: Das geht mich ganz persönlich an! Da bin auch ich gefragt, einen Beitrag zu leisten! Solidarität - Subsidiarität, das Stichwort hörte der "Wahlbürger" erst im Zusammenhang mit den "Maastrichter Verträgen". Als wegen ihrer Verdienste um die "Deutsche Einheit", ein ehemaliger russischer Präsident, ein amerikanischer Präsident und ein deutscher Bundeskanzler die Ehrenbürgerwürde von Groß-Berlin erhielten, seien in den Reden nicht einmal die Namen des damaligen DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere und der ersten und letzten freigewählten Präsidentin der DDR-Volkskammer Sabine Bergmann-Pohl erwähnt worden. Das hörte ich damals mehr beiläufig bei einem Abendessen in Rom. Wenn dem so war, zeigt das einen Mangel an Sensibilität.
Fast war ich geneigt, Euch das Manifest "Weil das Land sich ändern muss" vorzutragen und hinter jedem Absatz diese Manifestes kurze Texte aus kirchlichen Dokumenten der Sozialverkündigung anzugeben, wo das entsprechende Thema bereits früher und ebenso deutlich ausgeführt worden war. Nicht erst die Sozialverkündigung von Johannes Paul II. seit Laborem exercens [1981] bis zu Centesimus Annus [1991] hatte viele der Themen an- und ausgesprochen. Und als die deutschen Bischöfe 1982 zur Schuldenkrise in Deutschland ihre Stimme erhoben, schien dies nur eine Wahlkampfhilfe für eine christliche Partei zu sein. Wir sollten neben der EKD-Denkschrift "Gemeinwohl und Eigennutz" auch das Gemeinsame Wort der katholischen und evangelischen Bischöfe vom Frühjahr dieses Jahres 1977 "FÜR EINE ZUKUNFT IN SOLIDARITÄT UND GERECHTIGKEIT" studieren und über sie informieren: als Christen und CV-er haben wir in der Ur-Kunde der Heiligen Schrift eine gemeinsame Grundlage für die Gestaltung unser deutschen und internationalen Gesellschaft aus christlicher Verantwortung.
Es geht mir und es darf uns auch nicht um Rechthaberei gehen, weder im Gespräch mit den anderen Christen, noch in der Auseinandersetzung mit den Politikern. Wir haben uns zu fragen und werden von anderen gefragt: Was ist der Beitrag der Christen zur Mitgestaltung der Gesellschaft vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre. Nur dürfen wir die katholische Soziallehre den Politiker nicht als "Schlag-Wort" überlassen.
Unser Land kann sich nicht selbst ändern, wenn wir als Christen uns und unsere Einstellung zu diesem Land nicht ändern. Seit Leo XXIII. fordert die Kirche in ihrer Sozialverkündigung die Christen und kirchlichen Gruppen und Gemeinschaften, dazu zählt auch der CV, auf, ihre persönliche Gesinnung und Haltung zu prüfen und zugleich die Strukturen der gesellschaftlichen Ordnung zu reformieren. Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe sind eben keine statischen Prinzipien, die, einmal angewandt, die Gesellschaft und Welt ein für alle mal zum besseren wenden könnten.
Immer wieder neu müssen wir auf konkrete gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Herausforderungen den klassisch gewordenen Dreischritt der CAJ anwenden, den Johannes XXIII. für "Mater et Magistra" [Nr. 236] und die kirchliche Sozialverkündigung übernommen hat.
| Die Situation genau ansehen, beobachten und wahrnehmen, was geschieht, auch wenn es nicht in die eigene Welt-Anschauung passt. Dann eine Analyse der Umstände machen. sehen | |
| Kriterien suchen, um die Situation zu beurteilen. Dazu bietet die kirchliche Sozialverkündigung wichtige Hinweise. urteilen | |
| Dann die Konsequenzen ziehen, es nicht bei guten Ratschlägen belassen, vor allem an andere belassen, sondern selbst handeln: in einer Partei, im Beruf, in der Gesellschaft. handeln |
Im Mittelpunkt der Bildungsarbeit des CV’s sollten Anstrengungen stehen, an einem neuen Grundkonsens mitzuwirken: zunächst einmal untereinander in den Verbindungen, dann im Gespräch mit Menschen in unserem direkten Umfeld, im Alltag unserer Lebensbereiche, in politischen Parteien. Gerade diese brauchen den Anstoß von außen. Politische Parteien können nicht aus sich heraus Werte produzieren.
Es gilt, einen Prozess der Selbstvergewisserung anzustoßen: es wird ein schmerzhafter, langer Prozess; denn Überzeugungen ändert niemand von jetzt auf gleich. Der CV könnte den Dienst einer "Hebamme" zu übernehmen. Ziel wäre es, mich, jeden von Euch Cartell- und Bundesbrüdern zu befähigen, sich gesellschaftlich zu engagieren: Gemeinwohl und Eigennutz sind immer wieder in ein neues Gleichgewicht zu bringen: in konkreten und geschichtlich einmaligen Situationen, "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit".
Abschließend will ich einige Bereiche nennen, in denen jeder einzelne CV-er seine Haltungen und deren Konsequenzen bedenken sollte. Die großen Fragezeichen sollen mögliche Problem- oder Anwendungsfelder bezeichnen, in denen jene Haltungen einzuüben sind.
Mein Umgang als Christ mit andersdenkenden Christen und andersdenkenden Menschen. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Partnerschaft. Familie. Beruf. Pfarrei. politische Parteien. Gesellschaftliche Gruppen. |
| CV-Verbindungen sollten untereinander und an der Hochschule tolerant und dialogfähig werden. |
Mein Umgang als Christ mit Information. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Umgang mit elektronischen Medien. Printmedien. Fähigkeit zur Unterscheidung. |
| CV-Verbindungen sollten untereinander und an der Hochschule die Verbindung von Wissen und Handeln knüpfen. |
Mein Umgang als Christ mit der eigenen Orientierungslosigkeit. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Wissensvermittlung über Grundfragen der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik, des Glaubens. Zugänge zur Geschichte: säkularer und kirchlicher. Aktualisierungen des Glaubens durch Austausch über Glaubens- und Lebenserfahrungen. |
| CV-Verbindungen sollten untereinander und an der Hochschule Orientierung aus dem Glauben schöpfen. |
Mein Umgang als Christ mit gesellschaftlichem und politischem Engagement. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Politik und Gesellschaft als Weltdienst der Christen. Ethikbegründungen. Ethik der Lebensbereichen. Vernetzung von Gruppen und Personen. |
| CV-Verbindungen sollten untereinander und an der Hochschule sich persönlich und fachlich für ein verbindliches Engagement qualifizieren. |
Mein Umgang als Christ mit der Freiheit. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Freiheit als verantwortete Freiheit. Freiheit als Gefährdung. Freiheit als Freiheit des Anderen. Freiheit und Kirche. Erziehung zur Freiheit. |
| CV-Verbindung sollten untereinander und an der Hochschule Freiheit einüben. |
Mein Umgang als Christ mit Wohlstand. |
| Mögliche Problem- und Anwendungsfelder: Persönliche Bescheidenheit und Lebensstil. Soziale Ungleichgewichte in unserer Gesellschaft: Ost - West. Nord -Süd: als ungelöste Aufgabe. Gemeinwohl und Eigennutz. |
| CV-Verbindung sollten untereinander und an der Hochschule Wohlstand im Gefüge von Werten angemessen gewichten. |
Und jetzt dürfen wir beginnen, miteinander zu streiten:
um die bessere Sichtweise | |
um die richtigere Bewertungen und | |
um die notwendenderen Konsequenzen. |
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© 1998- 2012 Dr. Benno Kuppler SJ | WirtschaftsSeelsorger | UnternehmerBerater | EthikErzähler | münchen |werte-wirtschaft-weiterbildung.de | file last updated 2012-01-01 11 | Impressum | Optimale Darstellung Internet Explorer [download] |