
Unsere khg.
"Unser" Thema zum weiterdenken
vorgelegt beim gemeinsamen
Gemeinderat von ESG und khg
am 10. Februar 1998
von
P. Dr. Benno Kuppler SJ

Kirche an der Hochschule - das
sind wir als khg - hat einen Dienst für die Menschen in der Welt von heute zu
leisten. Das ist die Botschaft Jesu Christi, die uns, der Kirche an der
Hochschule als Vor-Gabe aufgetragen ist. In ihrer Urkunde, der Bibel, findet die
Kirche - auch als Kirche an der Hochschule, diese Botschaft niedergelegt. Unsere
Aufgabe ist es nun, diese in die heutige Zeit hinein auszubuchstabieren, zu
übersetzen, zu tradieren. Die zentrale Botschaft unseres Glaubens bezieht sich
auf das Leben der Menschen, auf die Gleichheit der Menschen als Gottes Bild, als
Verantwortliche für die Schöpfung und für die Gestaltung der uns anvertrauten
Welt. So helfen wir, dass "Sein Reich komme", wie wir gemeinsam
im Vaterunser beten.
Mein Blick zurück
Die Chance zum Studium war
damals eng mit sozialen Milieus verbunden. Die Studierenden kamen aus
Akademikerfamilien und dem Bildungsbürgertum, machten 6 - 10% ihres
Altersjahrgangs aus. In der Mehrzahl stammten sie aus einem evangelischen oder
katholischen Milieu und waren in kirchlichen Gruppen sozialisiert. Die
Hochschulgemeinde bedeutete Heimat in neuer, fremder Umgebung am Studienort,
meist fern des Wohnortes. Eine kirchliche Sozialisation hatte Gemeinsamkeiten
grundgelegt, die selten hinterfragt und kaum in Frage gestellt wurden. Die
Studierenden waren mit den religiösen Formen ihrer Kirchen vertraut und diese
Riten und Rituale trugen ihr Leben. Religiöse Praxis in Liturgie, Diakonie und
Caritas waren selbstverständlich.
Und doch wurde gefragt: nach
Lebensorientierung, nach Glaubensinhalten, nach der Richtigkeit kirchlicher
Vorschriften und immer wieder nach Gemeinschaft, verbindender und verbindlicher
Gemeinschaft.
Das Studium war Teil einer
Berufung für einen Lebensstand, den des Akademikers, Viele waren sich ihrer
privilegierten Situation durchaus gewusst und beantwortet dies mit einer hohen
Bereitschaft, sich gesellschaftlich und politisch verantwortlich zu engagieren.
Aus den Hochschulgemeinden kamen die meisten Vertreter in den Gremien der
studentischen Selbstverwaltung. Das Verhältnis zwischen vielen Studierenden und
Lehrenden ging über das "Testat" für eine belegte Lehrveranstaltung
hinaus. Professoren und Studenten begegneten sich auch in den
Hochschulgemeinden, bei Vortragsabenden und im Hochschulgottesdienst. Das
"Studium generale" bot manchem Hochschulseelsorger zu einem
inhaltlichen Angebot an der Universität.
Mit der großen Koalition von
CDU/SPD im Jahre 1966 und der Regierungsverantwortung für SPD/FDP im Jahre 1969
soll tatsächlicher und vermeintlicher Reformstau aufgearbeitet werden.
"Wir fangen die Demokratie erst richtig an." war ein verbreiteter
Slogan. Die Bildungspolitik war ein wichtiges Feld der Reformer. Der Zugang zu
den Gymnasien wird für viele das Ziel echter Gleichheit. In der Folge nimmt die
Zahl der Studierender ständig zu. Neue Schulformen ermöglichen einen Zugang
zur Hochschule. Vereinzelt werden neue Universitäten gegründet. Meistens aber mussten
die Lehrenden an den bestehenden Hochschulen mit größeren Zahlen von
Studierenden fertig werden. "Numerus clausus" wird zum Begriff des
Jahrzehnts. "Massenuniversität" wird zum negativen Etikett für die
Hochschullandschaft. Die Pädagogischen Hochschulen erfahren ihre Eingliederung
als Erziehungswissenschaftliche Fakultäten an bestehenden Universitäten oder
werden zur ersten Fakultät neu entstehender Hochschulen mit breiterem Angebot.
Das ist auch die Zeit, in der
verstärkt Fachhochschulen gegründet werden. Sie sollen mehr den
praxisorientierten Studierenden ein Angebot bieten. Im vergangenen Jahr
erinnerten nicht nur die Fachhochschulen in Nürnberg dieses Jubiläums. Und
auch an den Fachhochschulen strömen die Studierenden in Zahlen, die
Zugangsbeschränkungen als erforderlich erscheinen lassen.
Meine Bestandsaufnahme der
gegenwärtigen Situation
Die Hochschulen spiegeln immer
zugleich auch gesellschaftliche Wirklichkeit. So kann es nicht verwundern, dass
in den neunziger Jahren die Hochschullandschaft nicht transparenter ist als das
sie mitbedingende Umfeld. Soziologische Untersuchungen aus der jüngsten Zeit
stellen Stichworte wie Anonymität, Überfüllung, Konkurrenz, fehlende
Überschaubarkeit heraus. Die auch in den Medien gespiegelte Diskussion um ein
neues Hochschulrahmengesetz, um Autonomie in Budgetfragen, um BAFÖG, um
Professoren auf Zeit, um Effizienz der Lehrveranstaltungen, der Hinweis auf die
"Klasse" amerikanischer Universitäten, um Studiengebühren markieren
den Umbruch der Hochschulen. Die Hochschule als Wirtschaftsunternehmen kann
sicherlich nicht Ziel von Reformbestrebungen sein. Bildung ist kein beliebiges
Wirtschaftsgut.
Aber auch die soziale Situation
der Studierenden hat sich gewandelt. Die jüngsten statistischen Daten der FAU
bestätigen viele Untersuchungen. Der Weg vom Abitur zur Hochschule ist nicht
mehr der "Königsweg". Viele Studierende haben eine berufliche
Ausbildung abgeschlossen. Der Studienort wird in der Nähe des Wohnortes
gesucht. Fast 50% der Studierenden der WiSo stammen aus dem Großraum
Nürnberg-Fürth-Erlangen. Aus einem Umkreis von 100 km kommen sogar 60% der
Studierenden. Viele Studierende sind auf eine Erwerbsarbeit angewiesen, sei es,
um sich das Studium zu finanzieren oder den Lebensstandard zu halten, den sie
als Berufstätig bereits gewohnt waren.
Das Zeitbudget für
ehrenamtliche Tätigkeit wird durch anstrengendere Studienbedingungen enger. Das
begrenzt etwa die Bereitschaft, in der studentischen Selbstverwaltung
mitzuwirken. Studium wird zu einer Berufstätigkeit, an der vieles kritisiert,
aber dann doch als unabänderlich hingenommen wird. Sonst müssten mehr
Studierende sich an den Wahlen zu den Hochschulgremien beteiligen. Stress wird
von Studierenden als Hauptbelastung empfunden: einmal durch die
Studienbedingungen, dann auch durch die Notwendigkeit sein privates Leben
organisiert zu bekommen. Stress und Frust bestimmen das Lebensgefühl sehr
vieler Studierenden, aber auch der Lehrenden, wenngleich aus anderen Gründen.
Angebote über das Studium
hinaus gibt es zahlreiche. Das Freizeitangebot ist enorm. Vieles wird von
Studierenden als interessant eingestuft. Wahrgenommen werden nur solche Angebot,
die konkrete Hilfe im Studium oder beim Stressabbau bieten. Selbst der Sport
dient nur der Regeneration für die nächste Studienphase, nicht mehr der Muße.
Für ihn interessieren sich knapp 10% der Studierenden.
Viele Studierenden leben eine
"Plurioptionalität", wie es der Dekan der WiSo in einem Gespräch
nannte. Sie träumen von den vielen Möglichkeiten, die ihnen das Leben bietet
und die sie verwirklichen könnten. Aber es fehlt die Kraft zu einer
Entscheidung für eine konkrete Möglichkeit. Denn diese Entscheidung schließt
dann anderes als unmöglich aus. So wird der persönliche Frust gesteigert: Ich
halte mir alle Türen offen, stehe aber letztlich allein draußen vor der Tür.
Kirche an der Hochschule wird
wahrgenommen. Viele Studierende wissen, dass es eine ESG und eine KHG gibt, aber
über 70 % halten ein Engagement in diesen für uninteressant, weil eine
sofortige Verwertbarkeit, ein umgehender Nutzen aus einem Engagement nicht
einsichtig scheint.
Dennoch bestätigen sehr viele,
fast 60%, in den Erhebungen, dass sie an einen Gott glauben und 10% halten den
Glauben auch für ihre Lebensgestaltung für bedeutsam. Einen Kontakt zu
Hochschulgemeinden hatten knapp 6%.
Gefragt sind auch in den
Hochschulgemeinden Feste, die eine niedrige Schwelle an Verbindlichkeit haben,
und wenn diese von anderen organisiert sind. Gefragt sind Studienhilfen, etwa
die Studienberatung für Erstsemester und zu Beginn des Hauptstudiums. Die
Hochschulgemeinde wird auch besucht, wenn sie Kurse anbietet, die der Stärkung
des Selbstwertgefühles dienen. Die dürfen dann auch ein paar Mark kosten.
Hochschulgemeinden als Kirche an
der Hochschule wird von der Wahrnehmung des Bildes von Kirche in der
Gesellschaft bestimmt. Und das ist überwiegend negativ! Und doch gibt es Kirche
an der Hochschule: verbindliches Engagement von Studierenden, die Glauben in
Gemeinschaft leben wollen, in deren Mitte Jesus Christus lebendig ist, die sich
zum Hochschulgottesdienst versammelt.
Kirche an der Hochschule will
diese Botschaft auch in den Diskurs der universitären Kultur einbringen. Wir
als Hochschulgemeinden suchen daher das Gespräch mit den Lehrenden und
Studierenden. Wir meinen, dass Kirche an der Hochschule Gesichtspunkte auch in
die wissenschaftliche Diskussion einbringen zu können, die bei der hohen
Spezialisierung der Hochschulen in Vergessenheit zu geraten drohen. Als
Stichwort sei nur die Frage nach "Ethik" genannt, allgemeiner
formuliert, geht es um die Suche nach Sinn und Werten.
Zugleich sind wir als Kirche an
der Hochschule ein Ort, an dem sich Menschen ohne Ansehen von Person, Rasse und
Religion begegnen können. Ob Studierende oder Lehrende, ob alt oder jung,
wollen die Studenten- und Hochschulgemeinden den Raum bieten, um sich zu
begegnen, um miteinander zu suchen nach Konzepten für eine humanere Welt, für
die Wahrung der Schöpfung, für den Austausch zwischen Weltanschauungen und
für das "Wagnis Leben".
Kirche an der Hochschule ist
immer auch missionarisch und mystisch. Wir wollen und dürfen die Botschaft Jesu
Christi nicht verstecken. Deshalb ist die Hochschulgemeinde auch immer der Ort,
an dem sich Christen treffen, um den Glauben miteinander zu leben. Das geschieht
mit unterschiedlichen Graden an Verbindlichkeit und Engagement. Die Glaubens-
und Lebensbiographien der Studierenden und Lehrenden, aber auch unsere eigenen
Glaubens- und Lebensbiographien als Hauptamtliche, die wir von unseren Kirchen
mit dem Dienst der Seelsorge an den Hochschulen beauftragt sind, begegnen sich,
befruchten sich und - gelegentlich - reiben sie sich auch unüberhörbar.
Mein Ausblick auf mögliche
Entwicklungen
Kirche an der Hochschule ist
eine wechselseitige Beziehung. Mein Ausblick will mögliche Entwicklungen
verdeutlichen.
Hochschule ist Raum der
Begegnung von Lehre und Forschung, von Studierenden und Lehrenden, von
Gesellschaft und Wissenschaft, von Bewahrendem und Entwickelndem. Hochschule ist
eine gesellschaftlich, kulturell, politisch und wirtschaftlich wichtige
Institution. Hochschule ist der Ort, an dem Wissen und Leben zu einer Einheit
kommen sollen.
Der Umbruch der Hochschulen
zeichnet Bruchlinien der Gesellschaft nach. Anonymität, Vermassung,
Überfüllung, Stress und Konkurrenz prägen Generationen von jungen Menschen in
Grundhaltungen, die ihr weiteres Leben bestimmen können, und gestalten die
Grundlagen einer künftigen Gesellschaft, die sich nur an Kriterien von
Effizienz und Konkurrenz orientieren.
Studium sollte nicht nur
"handwerkliches Wissen" einer in viele Teilgebiete aufgespaltenen
Wissenschaft vermitteln, sondern den Blick auf größere Zusammenhänge weiten.
Eine Wissenschaftsgesellschaft aus Topspezialisten ist wie ein aus Solisten
gebildetes Orchester. Da gibt es kein gemeinsames Musizieren, da fehlt die
Klangfülle, die Harmonie. Da wird es unmöglich, sich auf eine Partitur zu
einigen, weil es eine solche nicht gibt. Da werden gemeinsame Grundlagen
vergeblich gesucht.
Hochschule, Lehre und Forschung,
Studierende und Lehrende müssen sich an einer Welt orientieren, die ein
komplexer Kosmos ist. Die einzelnen Facetten zu studieren ist reizvoll. Aber die
einzelne Facette ist nicht das Gesamte.
Was khg, Kirche an der
Hochschule, sein könnte, finde ich im Johannes-Evangelium:
Die Geschichte der
Berufung der ersten Jünger, wie sie uns im Johannes-Evangelium [Joh 1, 35-51] überliefert ist, zeigt uns auch heute noch die Inhalte der Botschaft
Jesu und Seine Didaktik, die auch für unsere Arbeit als Kirche an der
Hochschule hilfreich und wegweisend sein kann.