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Lebensdaten - Lebenszeichen |
Am 7. Februar 1925 wird Mathilde Maria Bott als letztes von elf Kindern der Eheleute Josef und Gertrud Bott , geb. Jäckel in Bad Kreuznach geboren und am 12. Februar ist sie durch Kaplan Bückler getauft worden. Taufpatin ist Maria, ihre älteste Schwester. Mathilde Maria ist fünf Jahre alt, als Maria und Josef Stein heiraten.
Am 8. April 1934 geht Mathilde Maria zur Ersten Heiligen Kommunion, 1935 ist sie zehn Jahre alt und wird am 16. Mai gefirmt.
1939 ist unsere Mutter 14 Jahre alt, als der Krieg ausbricht. Mitten im Krieg, in den Jahren 1940-1945 im "Café Rom", dem Café Bott in Bad Kreuznach: Begegnungen mit Soldaten unterschiedlichster sozialer Herkunft, Berufe und Berufungen im dem Schutz des elterlichen Hauses. Ihre große Liebe zur Musik verband unsere Mutter mit Pater Fürbaß SAC und Heinz Steffens, der am 20.5. 1943 ihre Lieblingsschwester Hedwig heiratete.
1945: unsere Mutter hat am 7. Februar ihren zwanzigsten Geburtstag. Hatte sie "gefeiert"?! Hat sie selbst an diesen Geburtstag gedacht oder andere?
Am 19. Juni 1947 heiratet unsere Mutter unseren Vater Benno Kuppler aus Caan. Ihre Wohnung ist im elterlichen Haus in der Mannheimer Straße 232 in Bad Kreuznach. Am 5. Juli 1948 wird der Sohn Benno geboren. Am 2. Juli 1951 wird die Tochter Anita Maria in Mainz geboren.
Im Jahre 1950 macht sie eine Wallfahrt nach Rom zum Heiliges Jahr, 1952 erwirbt sie den Führerschein.
Im Dezember 1956 ist der Einzug ins eigene Haus, Mannheimer Straße 203. Oma Gertrud Bott zieht mit. 1957 wird unsere Mutter 32 Jahre, es ist Fasching: Waltraud Lang, genannt Vally, hilft das Fest vorzubereiten. Auch im Juni hilft sie bei meiner Erstkommunion.
Ostern 1964 in Weilerswist erkrankt sie an Multipler Sklerose, erfährt aber
die Diagnose erst 1969 in einer Kur in Wolfach. 1975 feiern wir ihren 50.
Geburtstag im Oranienhof mit Kammermusik von Heinz Steffens und einem
Gottesdienst Pfarrer Wickert.
Vom 23. - 30. September 1980 macht unsere Mutter eine Lourdes-Wallfahrt in „stiller Hoffnung", ich durfte sie begleiten.
Mit einer Heiligen Messe in der Kapelle des Franziskastiftes feiern wir 1985 ihren 60. Geburtstag und im Oktober reist sie nach Rom mit Frau Elisabeth Riemer zu Benno. Am 27. April 1991 reist unsere Mutter gemeinsam mit Anita nochmals nach Rom anlässlich der Letzten Gelübde von Benno.
1986 beraten wir mit ihr den Verkauf des Hauses und unsere Mutter siedelt ins Altenheim über. Am Heiligabend sind Anita Maria und Benno in Kreuznach, zum letzten Mal feiern wir im eigenen Haus. Am 7. Februar 1995 feiern wir mit ihren Geschwistern den 70. Geburtstag zum letzten Mal in er alten Heimat.
Im Jahre 1999 zieht sie zu ihrer Tochter Anita Maria. Diese Entscheidung, ihren Lebensabend nicht in ihrem Heimatort zu verbringen, sondern bei meiner Schwester in Schlier und im Seniorenzentrum St. Vinzenz in Wangen, hat tiefes Glück und Ruhe in unsere Familie gebracht. Achtundsiebzig Jahre ist unsere Mutter alt geworden. Achtundsiebzig Jahre Lebens- und Glaubensgeschichte.
Lebensdaten - Lebenszeichen als Lebensgeschichte, als Glaubensgeschichte und als Heilsgeschichte |
„Glaube kommt vom Hören." Und unsere Bibel, die vielen Bücher und Texte des Alten und Neuen Testamentes sind erst später aufgeschrieben worden, sind Deutungen und Interpretationen von Menschen, ihr Leben in eine Beziehung zu Gott, dem „Ich werde dasein", setzen; zu dem Bräutigam, der bei ihr nicht mitten in der Nacht kam, sondern am frühen Nachmittag: der Ruf war leise: „Der Bräutigam kommt! Gehe ihm entgegen!"; zu Jesus, der gesagt hat: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, hätte ich zu euch gesagt: Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten. Und wenn ich gegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid."
Das dürfen auch wir heutige tun, nicht nur im Blick auf meine Mutter, sondern unser eigenes Leben. Viele Bibelstellen sind mir durch den Kopf und ans Herz gegangen in diesen Tagen auf der Strecken München - Wangen und zurück.
Achtundsiebzig Jahre ist unsere Mutter alt geworden. Immer gilt es auch, das Geheimnis jedes Menschen, auch meiner Mutter, zu wahren. Mir ist beim Überlegen und Schreiben deutlich geworden, dass vieles unaussprechbar bleiben muss, wenn ich es selbst nicht aussprechen will oder kann. Dass es auch Gnadenzeiten gibt, in denen Ereignisse in ihrem tieferen Zusammenhang aufleuchten, in den ich sie vielleicht nie gestellt hätten, hat mich ermutigt, einiges in Erinnerung an unsere Mutter zusammenzutragen.
Einige wenige Stellen will ich erwähnen:
Da ist die Schriftlesung aus Johannes 14, 1 - 4, die wir auf dem Friedhof gehört haben: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, hätte ich zu euch gesagt: Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten. Und wenn ich gegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid. Und wohin ich gehe - den Weg dahin kennt ihr." Thomas zweifelte!
Der große Hausbau unserer Mutter in Bad Kreuznach symbolisierte ihren Ehrgeiz, ihren Geschmack und ihre Schaffenskraft. Unsere geräumige Wohnung war durch das Zusammenleben mit ihrer Mutter, Gertrud Bott, und durch ihre Gastfreundschaft ein Ort, wo sich ihre Großfamilie traf. Zuhause war meine Mutter immer dort, wo ihre Seele Ruhe fand.
Und das Gleichnis von den zehn Jungfrauen aus dem Matthäus-Evangelium 25,1-13 habe ich gewählt, weil ich meine Mutter vorbereitet erfahren habe, nicht nur jetzt beim Sterben, sondern gerade auch im Leben, als Mutter und Geschäftsfrau, als Gastgeberin, als Gesprächspartnerin.
Mancher Erinnerung kann ich kein genaues Datum zuordnen. Und doch sind dies Momente großer Wichtigkeit, Augenblicke und Erinnerungen voller Leben und Sehnsucht nach Leben: Wann lernte unsere Mutter das Schlittschuh-Laufen auf der zugefrorenen Nahe? Wer führte unsere Mutter in die Kunst des Klavierspielens ein und zeigte ihr die richtigen Griffe auf der Violine? Wer weckte in unserer Mutter das Interesse am Lesen philosophischer und theologischer Autoren? Ich habe als Jugendlicher Autoren wir Peter Wust, Romano Guardini, Josef Pieper unter ihren Büchern gefunden, Bücher von Mathilde Kuppler. Wer waren die Gesprächspartner im "Café Rom" in Kreuznach, die unsere Mutter vielleicht auf diese Spuren setzten? Was fanden unsere Cousinen und Cousins so anziehend an unserer Mutter, dass sie so gerne mit ihrer Tante Kontakt hatten? Waltraud, Doris, Hans-Joachim, Renate, Robert, Gaby ...
Während die Törichten noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Unsere Mutter hatte genug Öl in ihrer Lampe, auch wenn ihr Lebenslicht langsam verglimmte.
Die Hochzeit in Kana bei Johannes 2,1-12 gehört für mich heute auch in den Kontext der klugen Jungfrauen. Und zugleich die Frage spielt sie mir die Frage zu: Hochzeiten gab es viele im Hause Bott, bei der ersten war unsere Mutter gerade mal fünf Jahre. Aber wie und wann lernte unsere Mutter schließlich unseren Vater kennen und lieben? Es wird ihr Geheimnis bleiben. Und als am 21.12.1966 diese Ehe mit Benno Kuppler zivil geschieden wird, religiös fühlt sie sich bis zum Tode unseres Vaters am 14.8.1985 dem Eheband verpflichtet: "Jetzt wäre ich frei ..." Ende August besucht sie sein Grab.
Im Lukas-Evangelium 1,26-38 haben wir die Botschaft der Verkündigung des Engels gehört, es war zuletzt am 25. März. Dort steht. „Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel."
Diese marianische Haltung hat meine Mutter eingeübt in ihrer langen Krankheit, aber grundgelegt war dies in ihrem Glauben. Manchmal schien in diesen dreizehn Tag das Zimmer unsere Mutter zum Berg der Verklärung Jesu [Markus 9,2-10] zu werden. Sie ließ uns eine Zipfel spüren von der Herrlichkeit, der zu begegnen sie auf dem Weg war. Frieden umgab sie.
An Ostern 1964, beim Ostersparziergang in Weilerswist erkrankt sie an Multipler Sklerose, erfährt aber die Diagnose erst 1969 in einer Kur in Wolfach. 14.295 Tage vor der MS und 14.248 Tage mit der MS. Und wie Maria blieb unsere Mutter unter dem Kreuz Jesu [Markus 15,33-41], es war Seine Todesstunde als unsere Mutter ihren letzten Atemzug im Beisein von Anita tat: „Es ist vollbracht!"
Und Frauen waren es, die Botschaft des Engels im leeren Grab [Markus 16,1-8] empfangen: er lebt und ist auferstanden. Das wollen wir am Ende der Eucharistiefeier singen: Der Himmel geht über allen auf!
Und wir, ich und Sie? Die geistliche Botschaft |
Als mein Vater starb, hatte ich als Evangelium die Auferweckung des Lazarus [Johannes 10,40 - 11,57] ausgewählt. Ich konnte Ihn noch nicht gehen lassen, aber ich konnte auch nichts tun, um ihn am Leben zu lassen. „Bindet ihn los und lasst ihn gehen."
Jetzt bei unserer Mutter, da war alle so anders. Ich bin traurig, dass sie gestorben ist, zugleich bin ich glücklich, weil ihr Leben vollendet, rund, heil ist, end-gültig ist.
„deine mutter scheint eine fröhliche frau gewesen zu sein, wenn ihr mit musik und tanz abschied feiert. "april, april, sie ist nicht tot, sie lebt!" hab ich vorhin gedacht. und _das_ ist, dürfen wir glauben, kein scherz." So schreibt mir ein Freund in dieser Stunde.
Achtundsiebzig Jahre ist unsere Mutter alt geworden. Viele Momente großer Wichtigkeit, Augenblicke und Erinnerungen voller Leben und Sehnsucht nach Leben kommen mir in den Sinn. Ihr Geheimnis gründet sicherlich im Glauben.
So ist die geistliche Botschaft dieser Stunde beim Abschied von unserer Mutter ihre Einladung, an mich, an meine Schwester, an jeden von uns:
Betrachte dein eigenes Leben, deute dies im Lichte des Evangeliums, begreife deine Lebensdaten als deine Lebensgeschichte, lies sie als Glaubensgeschichte und nimm sie an als Heilsgeschichte.
Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche [Bonhoeffer].
Amen.
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